Melissa Brandt – Willkommen in der Psychiatrie

Willkommen in der Psychiatrie
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Über den Alltag in der Psychiatrie hat wohl jeder seine eigenen Vorstellungen, die mitunter durch zahlreiche Filme, Bücher und Hören-Sagen inspiriert sind. Doch ist es wirklich so?
Melissa Brandt hat in ihrer langjährigen Tätigkeit als Krankenschwester alle Stationen in einer Psychiatrie durchlaufen und Anekdoten gesammelt, die einen Einblick in die Auswirkungen verschiedenster Krankheitsbilder geben. Hintergrundinformationen zu den jeweiligen Krankheitsbildern ergänzen die kurzweiligen Berichte.

 

 

Ein Auszug:

Liebesleben in der Psychiatrie

An einem Samstagmorgen habe ich mit meiner Kollegin Rosi die Frühschicht auf der Suchtstation. Die Nachtdienstkollegin übergibt uns die Station. »Keine besonderen Vorkommnisse«, erklärt sie und verschwindet schnell aus unseren Augen.

Diese Abteilung ist mit jungen Frauen und Männern besetzt, die durch-schnittlich kaum älter als vierundzwanzig Jahre sind.
Gleich beginnt die tägliche Routinearbeit. Gegen 07.00 Uhr wecken wir nach und nach alle Jugendlichen. Die meisten Personen sind über diesen Weckruf nicht erfreut. Einige murren uns an oder verkriechen sich unter der Bettdecke. Das hilft keinesfalls, denn die Zudecke wird von uns immer weggezogen.
Nach etwa einer halben Stunde trotten die Patienten langsam in Richtung Speiseraum, um ihr Frühstück einzunehmen. Wie immer witzeln sie bereits am frühen Morgen und schnell verbreitet sich gute Laune im Raum. Während Rosi den Kaffee ausschenkt, bereite ich im Schwesternzimmer die Medikamente für die Patienten vor. Mit meinem prall gefüllten Medikamententablett betrete ich den Speiseraum und stelle es auf das kleine Schränkchen, welches sich gleich am Eingang befindet. Erst jetzt bemerkt Rosi, dass zwei der Patienten noch nicht am Frühstückstisch sitzen.
Sie trägt mir auf: „Melissa, schau mal nach, wo Herr Müller und Frau Kröppler bleiben.“ Also mache ich mich auf den Weg, um die beiden Verschollenen an den Tisch zu holen. Am Zimmer von Herrn Müller angekommen, öffne ich die Tür und kann im Zimmer niemanden erblicken. Ich durchsuche auch das angrenzende Badezimmer, aber weiterhin keine Spur vom Patienten.
Weiter zum Zimmer von Frau Kröppler. Beim Näherkommen höre ich bereits leise wimmernde Töne. Der Schreck zieht mir sofort durch die Glieder. Ihr wird doch nichts passiert sein? Mit beschleunigtem Schritt eile ich zum Zimmer und reiße die Tür auf.
Herr Müller liegt nackt auf dem Bett und Frau Kröppler hüpft ebenfalls unbekleidet auf ihm herum. Beide sind durch meine plötzliche Anwesenheit verwirrt und fallen in Schockstarre. Mit irritierten Blicken schauen sie mich an, die entblößte Frau zieht sich schnell die Bettdecke über ihren blanken Leib. Ich stehe wie eingefroren in der Tür und kann nicht so recht fassen, was ich da sehe. Unsere erstarrten Blicke kreuzen sich. Blitzschnell schießen mir Gedanken durch den Kopf, ob ich sie trennen oder ihnen das Vergnügen doch lieber bis zum Ende gönnen sollte. Langsam gehe ich einen Schritt zurück und verschließe die Tür hinter mir. Es scheint mir geboten, meine erfahrene Kollegin zu konsultieren.
In Speiseraum flüstere ihr meine Begebenheit ins Ohr. Rosis Gesicht erstarrt und sofort sprintet sie zum Sündenzimmer. Lauschend stelle ich mich an die Eingangstür vom Frühstücksraum und blicke Rosi hinterher. Unverzüglich reißt sie die Sündenkammer auf und wettert mit lautem Tonfall auf das Liebespärchen ein. Jetzt wissen alle Patienten von dem Vorfall, denn Rosis gewaltige Stimme ist deutlich bis zu uns zuhören. Einige der Patienten im Speiseraum springen auf und wollen dem Schauspiel zusehen, wie Rosi dem Liebesspiel ein Ende zubereitet. Sie witzeln lautstark über das Liebespaar.
Mit großer Mühe kann ich die Truppe zur Ruhe bringen. Mit hochrotem Kopf kehrt sie zurück. „So wird das gemacht!“, stellt sie schroff fest. Wenig später findet sich das Liebespaar unter tosendem Applaus im Speiseraum ein. Frau Kröppler setzt sich wortlos und errötet mit gesenktem Haupt auf ihren Platz. Herr Müller hingegen lässt sich von seinen Mitpatienten feiern. Wie ein Held wird er von den anderen Jungs beglückwünscht. Von Kichern und zustimmendem Gelächter begleitet versorgt er sein Publikum mit Einzelheiten. Allerdings ist ihm das drohende Nachspiel noch nicht bewusst. Rosi hat bereits den Bereitschaftsarzt herbeigerufen, der in wenigen Minuten auf der Station eintrifft.
Als sich der Psychiater auf der Station einfindet, zitiert er das Sündenpärchen, Rosi und mich in das Arztzimmer.  Jetzt gestehen beide Insassen, dass sie bereits mehrere Jahre unter dem Drang leiden, Sex haben zu müssen. Das gibt für uns alle ein vollkommen neues Bild, da beide wegen anderer Suchtdiagnosen auf unserer Station in Behandlung sind. Nach insgesamt einer halben Stunde veranlasst der Arzt die Verlegung von Frau Kröppler auf eine Frauenstation, Herr Müller muss auf eine reine Männerstation.

 

Das Buch ist als Taschenbuch (ISBN 978-3946250-08-1) und eBook (ISBN 978-3-946250-13-5) erhältlich.

 

»Softcover

»176 Seiten

»ISBN 978-3-946250-08-1

»7,95€

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